Von „La Dolce Vita“ keine Spur

Die deutsche Seele des italienischen Einwanderers Gino Badagliacca

Als einer der ersten italienischen Gastarbeiter kam Gino Badagliacca Anfang der 1960er Jahre nach Gütersloh. In den folgenden Jahrzehnten war er Maurer, Fliesenleger, Pizzabäcker und in seiner Freizeit Sänger. Die erste Staffel des TV-Formats „Das Supertalent“ machte ihn als „singender Pizzabäcker“ deutschlandweit bekannt. Jetzt, über fünfzig Jahre nach seiner Ankunft blickt der Mann, den zeitweise jedes Kind in der Stadt kannte, auf sein Leben zurück. 

Es war schon spät am 1. August 1961 als der aus Termini Imerese bei Palermo stammende 21-jährige Italiener Gino Badagliacca den Gütersloher Bahnhof mit einem Landsmann erreichte. Und während die Temperaturen in ihrer Heimat Sizilien locker die 40 Grad-Marke erklommen, herrschten in dem ostwestfälischen Städtchen gerade mal 18 Grad. Es war sicherlich nicht der schönste Sommertag, um Gäste aus fernen Ländern in der Dalkestadt willkommen zu heißen, aber das wollte eigentlich sowieso keiner; die beiden Fremden waren ja einzig und allein gekommen um zu arbeiten. Und so war niemand an diesem späten Abend im August zur Stelle um sie zu empfangen. Mit dem Koffer in der Hand, frierend und ohne ein Wort der Sprache ihres Gastlandes zu beherrschen, war es Gino, der einen dunkelhaarigen Mann auf der Straße ansprach und ihm einen Zettel mit der Anschrift des neuen Arbeitgebers reichte, in der wagen Hoffnung, dieser Mann sei Italiener. Und zum ersten mal seit Tagen verspürten die beiden Neuankömmlinge so etwas wie ein kleines Stückchen Glück: Der Angesprochene stammte tatsächlich aus Süditalien und rief aus einer Telefonzelle heraus den Unternehmer an. Der kam, ein wenig unwirsch und verschlafen in einem herrschaftlichen Mercedes Ponton angebraust, sammelte die Fremdlinge ein und verfrachtete sie ins Kolpinghaus in der Nähe der Rhedaer Straße, wo sie von nun an wohnen sollten. „Weißt du“, sagte Gino zu seinem Gefährten, als sie in dem großen, majestätischen Wagen durch die Nacht fuhren, „eines Tages habe ich auch so ein Auto.“ 

weiter: faktor3_Gino

Veröffentlicht in : Faktor3, Ausgabe 4, Oktober 2013

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